Lormen: Pro und Contra

Einige meinen, Lormen sei „die Sprache der Taubblinden“. Das ist so aber nicht richtig. Lormen ist keine Sprache, sondern ein Hilfsmittel. Es ist ein Kommunikationsmittel; ähnlich wie das Fingeralphabet, das Gehörlose benutzen. Muttersprache der Taubblinden ist die Gebärdensprache. Diese haben sie zu einer Zeit erlernt, als sie noch gut sehen konnten, also in der Kindheit und Jugend. Ihre Sprachkenntnisse haben sie durch Kontakte mit anderen Gehörlosen vertieft, so zum Beispiel in Vereinen, im Internaten und auf Feiern. Mit zunehmender Erblindung blieb die Gebärdensprache den Taubblinden als Sprache erhalten, sie benutzen sie auch weiterhin.

Ältere Taubblinde haben ihre Gebärdensprachkenntnisse mangels Übung leider oft schon verlernt, da sie kaum Kontakt zu Gehörlosen hatten und haben. Sie kommunizieren mittels Lormen, obwohl die meisten von ihnen nur geringe Deutschkenntnisse haben.

Dazu kommt, dass die Gebärdensprache und das beim Lormen verwendete Deutsch nicht vergleichbar sind. Die Gebärdensprache hat eine eigene Grammatik, benutzt den Raum und ist allgemein visuell ausgerichtet. Für gebärdensprachlich orientierte Taubblinde kann die „Reduzierung“ auf das Lormen, sprich Deutsch, eine zusätzliche Hürde sein. Das liegt daran, dass Deutsch für die meisten Gehörlosen nicht die Mutter-, sondern eine Fremdsprache ist.

Wir empfehlen für gebärdensprachlich orientierte Taubblinde eine gleichzeitige Verwendung von taktiler Gebärdensprache, taktilem Fingeralphabet und Lormen.

Lormen ist zweifelsohne für lautsprachlich orientierte Taubblinde von großem Nutzen. Wer mit der Lautsprache aufgewachsen ist, ihre Regeln kennt und voll schriftsprachkompetent ist, für den wird das Lormen zur bevorzugten Kommunikationsform werden. Lautsprachorientiert sind jene Menschen, die in ihrer Kindheit hören konnten und so Deutsch oder eine andere Lautsprache vollständig erwerben konnten. Diese blind geborenen Menschen werden trotz ihrer Ertaubung weiter die deutsche Sprache benutzen wollen. Dafür ist das Lormen bestens geeignet, da es den grammatikalischen Regeln des Deutschen folgt.

Eine Erblindung darf nicht zur Reduzierung der Gebärdensprachkompetenz führen. Taubblinde müssen ihre Sprache auch trotz der Erblindung weiter benutzen. So bleiben sie in Kontakt mit ihrer Umwelt, können Alltagswissen aufnehmen und bleiben allgemein psychisch stabil. Eine Abwendung von der Gebärdensprache und alleinige Konzentration auf das Lormen kann zu einem seelischen Zusammenbruch der taubblinden Person führen. Wenn die Gebärdensprache zur Kommunikation fehl, dann fehlt auch die Gemeinschaft mit anderen Menschen, besonders die Gemeinschaft der Gehörlosen. Deren Normen, Werte und Umgangsregeln kennen die Taubblinden seit ihrer Kindheit. Wenn sie sich dann nur noch auf das Lormen verlassen, führt das möglicherweise zu einer Isolierung und Vereinsamung des Taubblinden. Diese Vereinsamung kann zu einer Erhöhung der Suizidgefahr führen.


Weiterführende Informationen:  Kommunikationsformen

Kommunikationsform unter Betroffenen
Taktiles Fingeralphabet – Erläuterung
Lorm-Alphabet
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